Texte de Claudia Rusch

Énoncé

« Angeblich hat ein pointenbewusster ostdeutscher Bürgerrechtler dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand um Dezember 1989 vorgeschlagen, die DDR doch einfach mit Frankreich zu vereinigen. Ich weiß nicht, ob es stimmt. Aber ich weiß, ich wäre sofort dabei gewesen. Ich wollte schon als kleines Mädchen nur eins: Französin werden. Meine Mutter vertröstete mich jahrelang. Zu meiner Jugendweihe(1) würden wir nach Paris fahren. Sie wusste schon, dass es nicht stimmte, ich aber hatte keinen Grund, an ihren Worten zu zweifeln. Als die Realität anfing, in mein Leben einzubrechen, war es zu spät. Frankreich hatte bereits einen festen Platz in meinem Herzen. Natürlich wollte ich unbedingt Französisch lernen. Doch der Fremdsprachenunterricht war in der DDR so eine Sache für sich. Russisch lernen war Pflicht, und durch den Zwang verlor die Sprache Tschechows(2) für die meisten ihren Reiz. Ab der siebten Klasse konnte dann, wer wollte, noch Englisch oder Französisch dazunehmen. Dieser Unterricht war nicht in den allgemeinen Lehrplan integriert, und die Stunden fanden vor oder nach der regulären Schule statt. Damit signalisierte das Bildungssystem eindeutig, wofür es internationale Verständigung hielt: sinnlosen Luxus. Fremdsprachen waren kein förderungswürdiges(3) Kulturgut in der DDR. Die allermeisten Schulen boten nur Englisch an. Das hatte sogar Sinn. Denn es gab sonst keinen praktischen Anlass, als Ost-kind Englisch zu lernen, Französisch war die reine Zeitverschwendung. Pure Liebhaberei(4). Wie bei mir. Zwei meiner besten Freunde hatten mehr Glück. An ihrer Schule gab es eine Französischlehrerin. Sie kam frisch von der Uni und war nur wenig älter als die Jungs. Als feststand, dass sie in den Ferien eine Gruppe Jugendlicher aus Frankreich betreuen würde, fragte sie ihre Schüler nach dem Unterricht, ob sie Lust hätten, mal richtig Französisch zu lernen. Sie erzählte ihnen, wann sich die Franzosen wo in der DDR aufhalten würden, und lud sie ein, dazuzukommen. Ihre Idee war so einleuchtend(5) wie unerlaubt. Bruno und Mesch campierten in der Nähe, mischten sich so oft wie möglich unter die Gruppe und machten Bildungsurlaub der besonderen Art. Nach den Ferien sprachen beide nicht nur bedeutend besser Französisch – sie waren auch auf einem anderen Stern gewesen. Im nächsten Jahr nahmen sie mich mit. Überschwänglich(6) wurden wir von ihren Freunden aus dem letzten Sommer begrüßt. Die Jungs stellten mich vor, und ich lächelte unsicher. Ich sagte kein Wort. Es war doch ein bisschen unheimlich – immerhin sprachen hier alle wirklich Französisch. Bruno und Mesch sahen mich amüsiert an und zwinkerten aufmunternd. Jetzt komm, du bist sonst nicht so schüchtern. Die jungen Franzosen nahmen uns mit offenen Armen in ihre Gruppe auf. Auch wir waren für sie Exoten – das Interesse war gegenseitig. Wir verbrachten fast die ganze Zeit zusammen. Wir feierten, machten Ausflüge und lungerten herum(7). Bruno, Mesch und ich taten meistens, als gehörten wir dazu. Es hatte etwas sehr Befreiendes vorzugeben, jemand anderes zu sein. Solange wir nicht auffielen, war unsere Anwesenheit den ostdeutschen Gruppenleitern einigermaßen egal. Sie wussten nur zu gut, wie wir uns fühlten. In ihrem Schutz machten wir zwei Wochen Urlaub im eigenen Land. Für mich war es viel mehr als Ferien. Es war die Erfüllung meines alten Traumes: Zusammen mit den Franzosen konnte ich endlich Französin sein. Es war ein bisschen wie eine Reise nach Frankreich. »
NachClaudia Rusch, “Meine freie deustche Jugend”, “Die Strickjacke”

I. Compréhension
1. 
Richtig oder falsch? Rechtfertigen Sie jeweils Ihre Antwort mit einem Zitat aus dem Text.
a) Als kleines Kind glaubte die Erzählerin fest an das Versprechen ihrer Mutter, einmal nach Frankreich zu fahren.
b) In der DDR mussten alle Schüler zwei Fremdsprachen lernen.
c) Die DDR unterstützte das Erlernen der französischen Sprache.
d) Die Französischlehrerin schlug ihren Schülern vor, zwei Wochen Urlaub in Frankreich zu machen.
e) Durch den Umgang mit den Franzosen machten Bruno und Mesch bedeutende Fortschritte in Französisch.
f) Bei der ersten Begegnung mit den Franzosen zeigte sich die Erzählerin selbstbewusst und locker.
g) Die jungen Franzosen betrachteten die ostdeutschen Jugendlichen mit großer Neugier.
h) Die ostdeutschen Begleiter der französischen Gruppe beklagten sich über die Anwesenheit der Jugendlichen aus der DDR.
2. Zitieren Sie vier Textstellen, die zeigen, dass die Erzählerin schon immer eine besondere Beziehung zu Frankreich hatte.
3. 
Auf wen bezieht sich das unterstrichene Wort?
Beispiel 1: Sie kam frisch von der Uni ; sie = die Französischlehrerin.
Beispiel 2: Zu meiner Jugendweihe würden wir nach Paris fahren ; meine = die Erzählerin.
a) …, wofür es internationale Verständigung hielt
b) Überschwänglich wurden wir von ihren Freunden aus dem letzten Urlaub begrüßt
c) du bist sonst nicht so schüchtern
d) Die jungen Franzosen nahmen uns mit offenen Armen in ihre Gruppe auf.
e) Wir verbrachten fast die ganze Zeit zusammen
f) In ihrem Schutz machten wir zwei Wochen
4. 
Ordnen Sie jedem Subjekt in dem Zitat ein (oder mehrere) Adjektiv(e) zu.
misstrauish – verständnisvoll – gastfreundlich – schüchtern – hilfsbereit – stumm – verlegen – begeistert – [entschlossen ]
Beispiel: …wollte ich unbedingt Französisch lernen. entschlossen
a) die Französischlehrerin lud sie ein, dazu zu kommen
b) Sie waren auch auf einem anderen Stern gewesen
c) Die jungen Franzosen nahmen uns mit offenen Armen in ihre Gruppe auf
d) Ich sagte kein Wort.
e) Sie wussten nur zu gut, wie wir uns fühlten
5. Übersetzen Sie von “Sie erzählte ihnen” bis “auf einem anderen Stern gewesen” ins Französische.
II. Expression
1. Nach der Wende bekommt Claudia, die Erzählerin, einen Brief von einem jungen Franzosen, der damals mit ihr in dem Lager war. Er erzählt auf Deutsch, wie er selbst diesen Urlaub erlebt hat, und äußert die Absicht, Claudia wieder zu sehen.
Schreiben Sie den Brief! (etwa 80 Wörter)
2. 
Behandeln Sie eines der beiden Themen. (mindestens 100 Wörter)
a) Sind Fremdsprachen für Sie auch pure Liebhaberei?
oder
b) “Es hatte etwas sehr Befreiendes vorzugeben, jemand anders zu sein”
Wünschen Sie sich auch manchmal, jemand anders zu sein? Wer und warum?
(1)die Jugendweihe : Feier für Jugendliche im fünfzehnten Lebensjahr in der DDR.
(2)Tschechow : bekannter russischer Autor (Die Möwe, Drei Schwestern, Der Kirschgarten).
(3)förderungswürdig : digne d'être encouragé, soutenu.
(4)Pure Liebhaberei : (ici) un simple divertissement.
(5)einleuchtend : lumineux.
(6)überschwänglich= enthusiastisch.
(7)herumlungern= nichts tun, faulenzen.

Corrigé

I. Compréhension
1. 
a) Richtig: “Sie wusste schon dass es nicht stimmte, ich aber hatte keinen Grund, an ihren Worten zu zweifeln.”
b) Falsch: “Ab der siebten Klasse konnte dann, wer wollte, noch Englisch oder Französisch dazunehmen.”
c) Falsch: “Dieser Unterricht war nicht in den allgemeinen Lehrplan integriert, […].”
d) Falsch: “Sie erzählte ihnen, wann sich die Franzosen wo in der DDR aufhalten würden, und lud sie ein, dazuzukommen.”
e) Richtig: “Nach den Ferien sprachen beide nicht nur bedeutend besser Französisch […].”
f) Falsch: “[…] und ich lächelte unsicher. Ich sagte kein Wort.”
g) Richtig: “Auch wir waren für sie Exoten − das Interesse war gegenseitig.”
h) Falsch: “Solange wir nicht auffielen, war unsere Anwesenheit den ostdeutschen Gruppenleitern einigermaßen egal.”
2. “Ich wollte schon als kleines Mädchen nur eins : Französin werden.”
“Zu meiner Jugendweihe würden wir nach Paris fahren.”
“Frankreich hatte bereits einen festen Platz in meinem Herzen.”
“Es war die Erfüllung meines alten Traumes : Zusammen mit den Franzosen konnte ich endlich Französin sein.”
3. 
a) es = das Bildungssystem;
b) ihren = Bruno und Mesch;
c) du = die Erzählerin;
d) uns = Bruno, Mesch und die Erzählerin;
e) Wir = Bruno, Mesch und die Erzählerin und die Franzosen;
f) ihrem = die ostdeutschen Gruppenleiter.
4. 
a) “die Französischlehrerin lud sie ein, dazu zu kommen.”: hilfsbereit, gastfreundlich.
b) “Sie waren auch auf einem anderen Stern gewesen.”: begeistert.
c) “Die jungen Franzosen nahmen uns mit offenen Armen in ihre Gruppe auf.”: gastfreundlich.
d) “Ich sagte kein Wort.”: schüchtern, stumm, verlegen.
e) “Sie wussten nur zu gut, wie wir uns fühlten.”: verständnisvoll.
5. Elle leur dit où et quand les Français séjourneraient en RDA et les invita à se joindre à eux. Pour être lumineuse, son idée n'en bravait pas moins les interdits. Bruno et Mesch campèrent à proximité, se mêlèrent au groupe aussi souvent que possible et firent un séjour culturel d'un genre bien particulier. Après les vacances, ils n'avaient pas seulement fait de nets progrès en français, mais ils avaient aussi été sur une autre planète.
II. Expression
1. Paris, den 20. November 1990
 
Liebe Claudia,
wie geht es Dir ? Hoffentlich gut. Ich lasse endlich von mir hören. Mir geht es sehr gut an der Uni und dort studiere ich Deutsch und Englisch. Ich soll ein Praktikum in einer deutschen Firma machen, um mein Deutsch zu verbessern. Vielleicht kannst du mir helfen, eine Stelle zu bekommen ?
Es wäre der Anlass, uns endlich wiederzusehen ! Es war ja so wunderbar, als wir die gemeinsame Zeit zusammen verbracht haben. Bruno und Mesch waren auch dabei. Wie geht es den beiden ? Und wir haben so viel unternommen : Ausflüge, Sport, Spaziergänge. Ich kann mich erinnern, wie schüchtern du am Anfang warst. Du hast aber sehr schnell Fortschritte gemacht und dich in die Gruppe integriert. Und diese junge Französischlehrerin… du weißt sicher, dass ich in sie verliebt war ! Schick mir bitte deine Telefonnummer und ich rufe dich sofort an, um vom Praktikum zu sprechen.
Viele liebe Grüße von Deinem François.
2. 
a) Für die Erzählerin ist Französisch lernen pure Liebhaberei. Das können wir einfach verstehen, wenn wir den Kontext kennen. Tatsächlich durften die DDR-Bürger wenig reisen und Fremdsprachen zu sprechen war also keine Priorität. Dies wurde als Zeitverschwendung betrachtet. Heutzutage ist die Situation völlig anders. Mit der Entwicklung der Europäischen Union und der Globalisierung stehen Fremdsprachen im Vordergrund. Fast überall lernen die Schüler zwei Fremdsprachen. Damit können sie später im Ausland studieren und leben oder für ausländische Firmen arbeiten. Außerdem finde ich auch wunderbar, mit ausländischen Freunden kommunizieren zu können : ich chatte oft mit meiner Freundin aus Düsseldorf. So kann ich sie und ihre Kultur besser kennen lernen. Aus diesen Gründen bin ich überzeugt, dass das Erlernen einer Sprache heute mehr als pure Liebhaberei sein kann, insofern als es virtuelle und konkrete Kontakte mit dem Ausland erlaubt, Missverständnisse zwischen den Völkern vermeidet und ein Fenster in die Welt eröffnet.
b) Auf die Frage, ob ich mir manchmal wünsche, jemand anders zu sein, würde ich gern antworten, dass ich davon träume, ein Fußballspieler wie Michael Ballack zu sein, weil dieser sehr reich und berühmt ist. Zwar würde ich auch gern das Model Claudia Schiffer für ihre unglaubliche Schönheit erwähnen. Oder den Rennfahrer Michael Schumacher, denn er darf sehr schöne und schnelle Autos fahren. Oder auch Nelson Mandela mit seinem Nobelpreis für den Frieden. Und warum nicht den Präsidenten, um unsere Gesellschaft ändern und verbessern zu können ? Aber auf diese Frage würde ich anders antworten : ich würde eher sagen, dass ich mich wohl in meiner Haut fühle und mich bemühe, so viel wie möglich eine gute Person zu sein und zu werden. Was mich letzten Endes interessiert, ist nicht jemand anders zu sein, sondern ein glückliches Leben zu haben und mich zu entfalten.